Edlerabsturz

Wie, du weißt nicht, was eine Blogroll ist? Dann lasse es dir doch erklären, am besten vom Weblogexperten Wolfgang Lünenbürger (dem Haltungsturner). Irgendwann in diesem Round-Table-Gespräch erklärt er das nämlich. Nachdem es zuvor eine Präsentation der aktuellen Technorati-Daten zu sehen gab, die mit Sicherheit eher erklärungsbedürftig gewesen wäre.
Was lief da ab, nachdem die schlecht gemachte Auswertung der Technorati-Zahlen durch die PR-Agentur Edelman (deren Blogexperte Herr Lünenbürger ist) diese Woche für ordentlich Kritik gesorgt hatte? Der Round-Table-Teilnehmer popkulturjunkie bringt es auf den Punkt:

Um es klar zu sagen: Es war ein Fehler, an der Runde teilzunehmen. Immer wieder wurde beteuert, man wolle uns zuhören, wolle lernen. Alles Quatsch. Wir wurden verheizt, damit man sich bei Edelman mit Authentizität schmücken konnte. Letztlich waren die 90 Minuten – Ihr braucht sie Euch nicht anschauen, ehrlich – völlig vertane Zeit. Der Technorati-Marketing-Hansel (der mich besonders enttäusch hat) hat knallhart eine Stunde lang seine dummen Zahlen vorgestellt (”Wir bezeichnen die ‘Top 100′-Blogs einfach mal als Blogosphäre und teilen sie in fünf Kategorien auf”), sie mit Zitaten garniert, die niemand hören wollte und reagierte auf kritische Fragen pikiert und iritiert. Und als später tatsächlich so etwas wie eine Diskussion entstand, redete man völlig aneinander vorbei und war wohl froh, als es zu Ende war.

Die anderen teilnehmenden Blogger äussern sich ebenfalls:
Nico Lumma bringt einige Gedanken zu Blog, dass Webloganalyse als Thema an sich durchaus spannend sein kann — da stimme ich zu. IX hat sich gelangweilt. Auf Spreeblick rückt Johnny die Relevanz von Technorati zurecht. Eine Zusammenfassung liefert The Turkey Curse.

Ich denke, hier tut sich im Grunde ganz einfach eine alte Kluft auf, nämlich jene zwischen quantitativer und qualitativer Analyse. Technorati’s Zahlenwerk basiert auf automatisierter Zählung und ist ausgesprochen fehlerbehaftet, worauf der popkulturjunkie ja hingewiesen hat. Der Haltungsturner ist als Experte damit überfordert, diese Zahlen selbst zu interpretieren und zu bewerten — Technoratis Eigenbewertung wird als Maßstab akzeptiert. Ein einziges Mal während der Diskussion unternahm er (als “Host” bzw. Diskussionsleiter) den halbherzigen Versuch, das Wort einem der anwesenden Blogger zu übergeben während der Technorati-Mann bereits wieder am ausholen war.

Doch selbst mit einer fundierten Analyse der Zahlen, wären die Ergebnisse noch nicht qualitativ und wüden sich die Blogger im Zahlenwerk nicht “wiederfinden”. Dazu müssten die Aussagen der Blogger in eine Analyse einfliessen. Auch, wenn es nur eine Aussage wie “your Top-100 is crap” ist (abgesehen davon, dass von anderen in der Runde wirklich andere bedenkenswerte Gedanken geäussert wurden — oder jeden Tag aufs neue in der Blogosphäre die Metadebatte weitergeführt wird). Mir ist bewusst, dass dies dann sehr weit führt und eine PR-Agentur andere Interessen (schnell die “Bedeutung und Einfluß” messen — ohne kontextuelle Einordnung) hat. Nur: Bedeutung und Einfluß der Blogs lassen sich mit dieser Strategie nicht erfassen. Dazu ist notwendig neben den “Zahlen der Blogosphäre” auch die “Kultur der Blogosphäre” zu analysieren und zu verstehen. Heisst: Meine Fragestellung lautet eher, warum wird gebloggt und werden Blogs gelesen, wie werden Blogs tatsächlich genutzt, oder auch: was sind die “Praktiken des Bloggens” (Jan Schmidt’s Ansatz) — weniger, worüber und was gebloggt wird und wer dabei den längsten die besten Zahlen hat.

Erst die Suche nach persönlichen Motivationen und Relevanzen führt zu einer Antwort auf die Frage nach einer “Bedeutung und Einfluss”. Sifry’s Alerts und alles andere Zahlenwerk von Technorati sind daher eigentlich nur reine Basisdaten, die anzuschauen sich durchaus lohnt. Oder anders: Eine statistische Top-Liste zu präsentieren ist das eine, das andere ist aber Einfluß, Bedeutung oder Relevanz zu beschreiben. Ehrlich gesagt, ich konnte auch ganz oft schmunzeln während dieser Debatte: It’s entertaining, interessant und für den Prozeß der Entwicklung von “Blogkultur” relevant. Ein Schritt nach außen, das Ganze in diesem größeren Zusammenhang betrachten; das ist wohl die Aufgabe von Weblogforschern aus den Sozial-, Verhaltens- und Kulturwissenschaften und von einer von besorgten Kunden zu schnellen Lösungen getriebenen PR-Agentur nicht zu leisten.

[Und das ist nicht als persönliche Kritik am Haltungsturner zu verstehen, den ich nach wie vor z.B. für seinen Einsatz gegen die politisch weit rechts stehenden Weblogs schätze. In der amtlichen Liste der Top-Blogberater wird er allerdings nicht mehr weiterhin empfohlen, allerdings in deutlicher Abgrenzung zu Edelman (danke, Don). Eher für kleine PR-Agenturen am Rande der Stadt.]

P.S.: Am Ende ist das aber alles nix gegen das, was Edelman in den USA so treibt: Dazu äussern sich neben vielen anderen der Don (hart) und Robert Basic (soft).

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