Der Musikantenstadl im Lichte der Wissenschaften: Nach dem Motto “sie beforschen uns” warf ein internationales und interdisziplinäres Forscherteam einen Blick hinter die Kulissen der erfolgreichen TV-Sendung. In der “Stadl-Familie” finden Menschen längst vergessen geglaubte Werte: Treue, Sicherheit, Geborgenheit, Stabilität und eine klassische Rollenverteilung von Mann und Frau. Die Untersuchungsergebnisse belegen, dass es gerade die sozialen und wirtschaftlichen Ungewissheiten der Moderne sind, die den Musikantenstadl so erfolgreich machen. Die Betrachtung durch den “fremden Blick” bietet Erkenntnisse über österreichische Identitäten und Konstruktionen alpiner Populärkultur, die für einheimische Forscher vielleicht unerkannt geblieben wären. [EVIFA-News]
Ich habe mich schon lange gefragt, was die ungebrochene Popularität der Volksmusiksendungen ausmacht. Das Buch sollte ich mir also zulegen.
ARTE sendet heute Abend um 23.15 Uhr eine Dokumentation über das neue ethnologische Museum “musée du quai Branly” in Paris.
Auf der die Sendung begleitenden Webseite gibt es indes noch viel mehr: Von “Museumsbesuchen im Videoformat” bis zu “kurzen Porträts über Ethnologen, Philosophen und Filmemacher, die den Blick auf das Fremde, das Andere nachhaltig beeinflusst haben”.
Über manche Inhalte und Formulierungen könnte man sicher trefflich streiten, aber endlich ist die Ethnologie wieder präsent in einem TV-Medium, das sich vom Niveau deutlich von anderen Sendern abhebt (man denke nur an “die Wilden von SAT1″). Aber auch das Museum selbst ist unter Ethnologen nicht unumstritten. Teilweise Stereotypen förderndes Design und eine undeutliche Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit Frankreichs stehen dabei im Mittelpunkt der Kritik. Eine Zusammenfassung zur “Paris Museum Controversy” lieferte anthropologi.info bereits vor einer Weile.
Verkürzt, verknappt, wild zusammengewürfelt und im Kern ein Beitrag zur Rechtfertigung der PC-GEZ-Gebühr? Möglich. Mindestens gut begründet ist sie jedenfalls, die Kritik am Beitrag Privates im Internet:
Gerade ist es einem Autoren in den Tagesthemen gelungen, einen Film zu Videos im Internet mit folgenden Themengebieten zusammenzustellen: Grup Tekkan, lonelygirl15, Bürgerjournalismus: Hurrican Katrina und Nahost-Propagandavideos, DJV-Chef Konken, nochmal Grup Tekkan. Das Resultat war dementsprechend. [Quelle: Wortfeld]
Die ARD hätte gern GEZ-Gebühren für PC. Mit Beiträgen wie dem über Videos im Internet in dieser Woche in den “Tagesthemen” qualifiziert sie sich aber eher für den Entzug sämtlicher Zuwendungen. [Quelle: Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer]
Schade, dass Steffen Büffel — der in dem Beitrag kurz zu Wort kam — in seinem Blogeintrag zur Sendung keine Stellung zum Inhalt bezieht (sich aber auf Wortfeld in den Kommentaren etwas irritiert zeigt). Möglicherweise kommt ihm als Medien- und Blogberater der etwas undifferenzierte Web2.0-Hype nicht ganz ungelegen. Andererseits muss man es begrüßen, wenn “jüngere Experten” in den Mainstreammedien das Wort ergreifen. Nur würde ich dann etwas mehr an Qualität der Information erwarten — die alte ethnologische Krankheit eben: Bevor man nur einen Satz zugestanden bekommt, sagt man lieber gar nichts, denn zu differenzieren und Komplexitäten darzustellen geht so nicht.
Dieses Kommunikationsproblem war der ursprüngliche Auslöser für mein Interesse an der Medienethnologie [2 Felder: a) Praktisch: wie bringe ich ethnologische Themen und Experten in die Medien, b) Analytisch: Medien als Feld und Kultur]. So etwas wie dieser Tagesthemen-Beitrag gibt den Vorsichtigen natürlich wieder einmal recht.
Macht eigentlich bereits jemand eine Feldforschung im Second Life? Ethnologisch wäre das sicher extrem spannend. Mit Markus Breuer gäbe es einen kompetenten Informanten und Literatur über MPRGs sowie Ethnologie im “virtuellen” Raum existiert ja auch.
Im ethnologischen A-Z von Michael Schönhuth über Ethnologie: “Auch Kulturanthropologie, bzw. Völkerkunde (engl. cultural anthropology, social anthropology, frz. ethnologie; sp. antropologia cultural); die Wissenschaft, die die Daseinsgestaltung menschlicher Kollektive (Gruppen, Netzwerke) im umfassendem Sinn ausgehend von einem holistischen Kulturbegriff erforscht; früher zu fremden, fernen und vermeintlich einfachen (”primitiven”) Gesellschaften, heute grundsätzlich zu jeglichen Kollektiven, auch zur eigenen Gesellschaft; methodisch stehen intensive Mikrostudien (mittels “Feldforschung”) zu Teilbereichen von Gesellschaften und kulturvergleichende Studien (Cross-Cultural Studies) im Zentrum.”
[via Riemer-O-Rama. Vgl. Ethno....was?.]
Die Ethnologie: aktuell, praktisch und politisch. Sie kann das Brisante im Banalen finden. (Matthias Hennies beim DLF).
[mehr dazu auf antropologi.info]
*schrei* E-T-H-N-O-L-O-G-I-E. Jeder Ethnologiestudent kennt die Frage danach, was “Ethnologie eigentlich ist”. [Anm.: Nicht, dass jemand denkt, nach dem Studium habe sich das erledigt -- it's getting worse!] Und jeder schafft sich im Laufe der Zeit seine eigene Strategie und Formulierungen, um ohne allzu viele Umschweife eine Erklärung zu geben. Dass dies gar nicht so leicht ist, wie man denken könnte, beweist z.B. die Debatte um den wikipedia-Eintrag über dieses Fach. Evifa (virtuelle Fachbibliothek Ethnologie) berichtete vor kurzem:
Seit einiger Zeit wird in der Wikipedia der Artikel zur “Ethnologie” als zu “dünn” und teilweise “unbrauchbar” kritisiert. Diskutiert und von einigen gefordert wurde bereits die Löschung, weil insbesondere der historische Teil vor allem durch Lücken glänzt. Aber auch in der Definition des Gegenstandes des Faches ist man sich nicht einig, wie anhand der Diskussionsbeiträge zum Artikel verfolgt werden kann. Angesichts der zunehmenden Bedeutung der Wikipedia als Informationsressource großer Teile der Bevölkerung ist eine mit den aktuellen Fachdiskussionen mehr übereinstimmende Darstellung der Inhalte und Geschichte des Faches dringend erwünscht. Entsprechend ist ein Hinweis direkt am Anfang der Seite als Hilferuf zu verstehen. Es scheint aber so, als halte sich die Fachwelt vornehm zurück.
Aus dem antropologi.info Ethnologie-Forum habe ich nun aber etwas fischen können: Eine Rede von Dr. Alexander Knorr, der am Institut für Ethnologie und Afrikanistik der Ludwig-Maximilians-Universität München forscht und lehrt. In hitziger Atmosphäre — nämlich im Rahmen von Protesten gegen schlechte Lehrbedingungen am Institut — gibt er mit seinem sehr ruhig gehaltenen Vortrag einen guten Einblick, was unter Ethnologie zu verstehen ist und zur Relevanz des Faches. Gewiss, die Schattenseiten in der Geschichte der Ethnologie sind im Rahmen dieses öffentlichen Auftrittes weitestgehend ausgeblendet. Dennoch könnte ich sicher keine bessere und leichter verständliche Erklärung geben — auf die oben genannte Frage versucht man sich auch deutlich kürzer zu halten.
–> MP3: Rede von Alexander Knorr auf dem Marienplatz in München, Mai 2005.
–> Meine del.icio.us-bookmarks ‘ethnologie’.
Da dieses Blog ja seinen Ursprung darin fand, dass ich für meine Magisterarbeit “Das Phänomen Weblogs: Ein Beitrag zur Medienethnologie” selbst Erfahrungen als Blogger sammeln wollte, weise ich hier natürlich auch darauf hin, dass ich auf Mediascapes Auszüge der Arbeit als PDF online gestellt habe.
Genauer: Einleitung, Kapitel 4 und Literatur. Wer nochmal ein paar Bloghighlights aus 2004/2005 nachlesen möchte, wird in Kapitel 4 sicher fündig. Die Literaturliste mag für die ein oder anderen interessant sein, die sich auch für diese Themenrichtung interessieren.
Inhalt:
Einleitung (”Der Krieg ist vorbei, Leute!”).
4. Fallbeispiele: Rolle der Weblogs als Medien
4.1 Öffentlichkeit und Demokratisierungseffekte
4.1.1 Rathergate, Easongate, Gannongate: US-Blogs gegen den Medienmainstream
4.1.2 Die Iranische Blogosphäre: Gegen Zensur
4.2 Weblogs alternativ-journalistisch genutzt
4.3 Blogger als Berichterstatter und Augenzeugen
4.3.1 Statt “embedded” im Irak: Bloggen aus dem Irak.
4.3.2 Augenzeugen der Katastrophe: Tsunamiblogs
7. Literaturverzeichnis
Letzte Kommentare